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Versucht der Körper überlastete Sehnen zu stärken, schmerzen sie. Ein Spezialtraining schafft Abhilfe.

Sprunggelenk AchillessehneDie Welt des Sports lernte Victor S. (Name geändert) zunächst nur von ihrer schöns­ten Seite kennen. Unbekümmert und beschwingt genoss er die neu entdeckte Bewegung. „Damals bin ich jeden Tag gelaufen. Es war das pure Vergnügen“, erinnert sich der Grafikdesigner. Er trainierte so fleißig, dass er nach einem Jahr einen Marathon bewältigte. Doch schon bald nach dieser erstaunlichen Leis­tung bekam das makellose Bild erste Risse. Der Grund war ein Zwicken der Achillessehnen. „Ich habe mich aber nicht weiter ­darum gekümmert. Es war nicht sonderlich schlimm, und vor allem verschwanden die Schmerzen wieder, sobald ich ein bisschen lief.“ Victor S. trainierte weiter – ein Fehler, wie sich später zeigte.

Berichte wie diesen hört Professor Kars­ten Knobloch häufig. Der Chirurg an der Medizinischen Hochschule Hannover hat ein Buch über den Schwachpunkt Achillessehne geschrieben. „Es ist ganz typisch, dass die Beschwerden lange ignoriert oder unterschätzt werden. Die Betroffe­nen meinen, sie würden von selbst wieder ­verschwinden.“ Manche Sportler drosseln ihr Trainingspensum ein wenig, die meisten aber machen weiter wie immer. Sie nehmen das Warnsignal ihres Körpers nicht ernst.

Alarmzeichen zu übersehen ist nie eine gute Idee – auch nicht, wenn es um die Achillessehnen geht. Schließlich zeugen die Schmerzen von Überlastung. „Vor allem ambitionierte Läufer sind gefährdet“, berichtet Knobloch. „Die Achillessehnen sind ihre Schwachstellen, an denen das häufige Training Spuren hinterlässt.“ Offenbar spielt auch der Untergrund eine Rolle, auf dem gelaufen wird. „Sehr weicher, sandiger Boden erhöht das Risiko um das Zehnfache“, fand der Chirurg bei einer Untersuchung heraus. Erstaunlich auch: Ob jemand auf Asphalt oder Waldboden läuft, ist egal – das Risiko bleibt das gleiche.

Doch nicht nur Läufer und andere Sportler sehen sich mit Achillessehnen-Beschwerden konfrontiert. „Die Rolle des Körpergewichts wird gerne unterschätzt“, berichtet Karsten Knobloch. So überlas­ten auch Menschen, die zu viele Pfunde mit sich herumtragen, ihre Achillessehnen ständig. Auch orthopädische Fußfehlstellungen – beispielsweise ein Knickfuß – kommen als Ursache für Probleme mit den Bändern infrage. Sie können die Biomechanik so verändern, dass die Sehnen dauerhaft ungewöhnlich starken Zugkräften ausgesetzt sind, welche sie dann überfordern. Als weitere Risikofaktoren gelten ebenso Rauchen und die Einnahme bestimmter Antibiotika (Chinolone).

Manchmal entwickelt sich das Problem nach einer einzigen, massiven Überlastung. „Im Freundschaftsspiel ­gegen Argentinien habe ich einen kräfti­­gen Schlag auf die Achillessehne ­bekommen“, berichtet der Fußball-Natio­­nalspieler Per Mertesacker. Trotz anhaltender Schmerzen spielte er die Saison weiter und hielt auch noch die Weltmeisterschaft 2006 durch. „Aber dann ging es nicht mehr, ich musste mich operieren lassen.“ Natürlich ereignen sich schicksalhafte Kollisionen mit argentinischen Fußballern im Alltag eher selten. Einmalige, starke Überlastungen kommen dennoch vor, beispielsweise wenn schwere Umzugskartons gestemmt werden.

Typischerweise schmerzt es nicht in der Nähe der Ferse, sondern etwas darüber – zwei bis sechs Zentimeter oberhalb des Ansatzes. Dort wehrt sich der Körper gegen die Überlastung: Er versucht dem schwächelnden Bindegewebe zu Hilfe zu kommen, es zu vermehren und so zu stärken. Die­­se „Hilfsak­tion“ lässt sich von außen gut erkennen, denn die Sehnen verdicken an den Stellen. „Es wachsen winzige Blutgefäße ein, um die Umbauvorgänge zu unterstützen“, erklärt Experte Knob­loch. Mit den Gefäßen schieben sich auch Nervenzellen vor – sie melden die Schmerzen.

Dieser an sich sinnvolle Umbau hat ­allerdings einen Haken: Das neue Gewebe ist von minderer Qualität. Die Sehnen sind zwar verdickt, aber nicht besser vor Überlastung geschützt als zuvor – und sie können reißen. Manchmal reicht dafür schon ein kleiner Sprint zum Bus oder das Heben ­­einer Getränkekis­te – eine banale All­tags­belas­tung. Nach einer solchen Verletzung wird die Sehne meist in einer Operation ­­genäht. Manchmal reicht auch eine Ruhigstellung mittels Schiene. Doch egal, welche Therapie gewählt wird: Die Heilung gestaltet sich langwierig, „denn die Sehnenzellen teilen sich ausgesprochen langsam“, erläutert Karsten Knob­loch. „Daher ist erst nach neun bis zwölf Monaten wieder eine volle Belastung möglich.“

Ein Riss der Achillessehne lässt sich mit einer geeigneten Behandlung wirkungsvoll vermeiden – sofern diese recht­zeitig einsetzt. Knobloch: „Wer seine Sehnen kräftigt, kehrt die Entwicklung um.“ Ultraschalluntersuchun­gen zeigen: Bei regelmäßigem Training geht die Entzündung innerhalb weniger Wochen zurück, die kleinen Blut­gefäße verschwinden wieder, und die Verdickungen bilden sich zurück, weil kräftiges, schlankes Gewebe das dicke, minderwertige ersetzt.

Was ist also zu tun? Nicht mehr, als die einfache Übung (siehe unten) zu machen – allerdings regelmäßig. Spätes­tens nach zwölf Wochen gehen dann die Schmerzen deutlich zurück. Zur Linderung kann in der akuten Schmerzphase auch eine Therapie mit Kältepackungen beitragen (zehn Minuten kühlen, zehn Minuten Pause, dreimal wiederholen).

Victor S. unternahm nichts gegen seine Achillessehnen-Beschwerden. Das war letztlich der Grund dafür, warum er seinen Sport nicht mehr ausüben kann. Die Spuren seiner Leidenszeit sieht und spürt er noch heute: Beide Sehnen sind verdickt und schmerzen selbst bei kleineren Alltagsbelastungen. Von dem speziellen Krafttraining als Therapie erfuhr Victor S. erst kürzlich. „Natürlich werde ich das nun versuchen“, sagt er. Seine Leidenschaft ist nicht erloschen – er hofft auf einen sportlichen Neuanfang.

Übung für mehr Kraft und weniger Schmerzen:

  • Am besten trainieren Sie jedes Bein einzeln. Wenn die Schmerzen dabei zu stark sind, machen Sie die Übung anfangs zweibeinig.
  • Stellen Sie sich mit dem Vorfuß auf eine Stufe. Drücken Sie sich so weit wie möglich nach oben. Die Position zwei Sekunden ­halten, bevor Sie den Fuß so weit es geht senken. Zwei Sekunden halten, dann wieder nach oben.
  • Heben und senken Sie den Fuß 15 Mal, anschließend wechseln Sie die Seite. Sechs Durchgänge pro Tag (und pro Bein) sind ideal.
  • Spätestens nach zwölf Wochen lassen die Beschwerden nach. Nach dem vollständigen Verschwinden sollten Sie zur Vorbeugung weiter trainieren. Dann reichen zwei bis drei Mal pro Woche aus.
Bildnachweis: Action Press/Peter Aswendt, W&B/Martina Ibelherr

Dr. Ralph Müller-Gesser / Apotheken Umschau; 28.11.2011
Bildnachweis: Action Press/Peter Aswendt, W&B/Martina Ibelherr

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